Kaspar Sannemann stellt sich vor:
Sannemann:
Ich heisse Kaspar Sannemann und von Beruf Primarlehrer. 56 Jahre alt, aufgewachsen in Männedorf und momentan wohnhaft in Effretikon. Seit über 40 Jahren ein grosser Opern-Fan und seit 5 Jahren Rezensent für verschiedene Online-Portale, u.a. “imscheinwerfer.ch” und “www.oper-aktuell.info”.
Daniel Fischer:
Man stellt sich mehrheitlich die Frage – und ich stelle sie jetzt dir – „welcher Affe hat dich gebissen“, dass du ein derartiges Interesse an Opern hast? Was ist hier passiert?

Sannemann:
Es sind eigentlich drei Elemente, welche diese Leidenschaft massgeblich beeinflusst haben:
- Meine Mutter hatte gemeinsam mit einer Freundin ein Abonnement im Opernhaus Zürich. Da diese Freundin nicht sehr neugierig auf zeitgenössische Musik war und damals (zwischen 1965 und 1976) das Opernhaus oft moderne Werke in sein Programm aufnahm, kam ich als Kind schon oft in den Genuss, solche Opern live erleben zu dürfen.
- Mein Musiklehrer in der Sekundarschule, welcher Vergleiche zwischen Opern und Popmusik hergestellt hatte.
- Eine “fetzige” Schallplattenaufnahme von Verdis TROVATORE, welche ich von meinem Cousin geschenkt kriegte.
Daniel Fischer:
Ich habe aber doch noch eine Anschlussfrage: Du willst mir aber nicht sagen, dass du Zwölfton-Musik schön findest?
Sannemann:
Lacht. “Schön” mag der falsche Ausdruck sein, aber spannend und lohnend, sich damit zu beschäftigen, ist zeitgenössische Musik allemal. Davon konnte man sich gerade kürzlich im Opernhaus Zürich überzeugen, anlässlich der Uraufführung von DIE STADT DER BLINDEN, welche vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.
Daniel Fischer:
Ist dein Lieblingsfach Mathematik?
Sannemann:
Nein, überhaupt nicht. Meine Lieblingsfächer waren Sprachen und Literatur und alles was damit in Zusammenhang steht. Ich bin eher der emotionale Typ, nicht der rationale. Und Oper kann Emotionen evozieren wie kaum eine andere Kunstgattung.
Daniel Fischer:
Die Frage an dich: Wenn du selbst schon gerne Opern hast, wieso musst du es dann der ganzen Welt mitteilen, weshalb du die Opern so gut findest?
Sannemann:
Lacht.
Daniel Fischer:
Ist das nur ein Mitteilungsbedürfnis - wie bei mir - oder wie sieht es aus?
Sannemann:
An der Produktion einer Opernaufführung sind unglaublich viele Menschen beteiligt, welche enorm viel Herzblut, Engagement und Können in ihre Arbeit investieren – und diese verdient beachtet und entsprechend gewürdigt zu werden.
Daniel Fischer:
Ich sehe, dass du uns viele Beiträge schickst. Wie häufig resp. wie viele Opern siehst du im Jahr?
Sannemann:
Es sind zurzeit vielleicht 50-70 Aufführungen pro Jahr. Meine persönliche Datenbank umfasst aktuell etwa 1800 Aufführungen, verteilt auf 42 Jahre. Rechne ....
Daniel Fischer:
Du bist ja unser „Opern-Mann“ – hat sich das in letzter Zeit gesteigert oder ist es immer gleich geblieben?
Sannemann:
Es ist eindeutig mehr geworden. Die Welt der Oper beinhaltet ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential ... . Während ich früher manchmal zu oft auf so genannt “grosse Namen” abgefahren bin, weiss ich heute auch die hervorragende Arbeit, welche an kleineren Häusern und Stadttheatern geleistet wird, sehr zu schätzen.
Daniel Fischer:
Erzielst du eine Wirkung mit diesen Kritiken?
Sannemann:
Ich sehe die Akzeptanz meiner Rezensionen an steigenden Besucherzahlen auf meinen Webseiten, und anhand von zustimmenden (und manchmal auch ablehnenden) Reaktionen von Lesern. Zudem übernehmen oft Künstlerinnen, Künstler und Theater meine Eindrücke für ihre eigenen Homepages.
Daniel Fischer:
Eine Frage aus der eigenen Küche: Wenn du in Opern besuchst, nimmst du dann deinen Partner mit oder muss er ständig allein zuhause sitzen?
Sannemann:
Nein, mein Partner ist zum Glück ebenfalls ein sehr “angefressener” und gebildeter Opernfreund. Wann immer möglich besuchen wir Aufführungen gemeinsam.
Daniel Fischer:
Wie findest du generell das Niveau von den Opern in der Schweiz?
Sannemann:
Die Schweiz hat auf kleinstem Raum eine ausgesprochen vielseitige und qualitativ hochstehende Opern- und Theaterszene. Nicht nur die grossen Häuser in Zürich oder Genf bescheren den Musikfreunden begeisternde Abende, auch die kleineren Theater in Basel (verdientermassen zweimal Opernhaus des Jahres!), Luzern, Bern, Lausanne und St.Gallen leisten oft Erstaunliches.
Daniel Fischer:
Ist es aber nicht so, dass Zürich sehr viel “Tournee-Geschichten” hat? Da singen oft die selben Sänger wie in Wien oder in München.
Sannemann:
Die grossen Stars hört man heutzutage selbstverständlich auf der ganzen Welt. Diese will das Opernhaus dem heimischen Publikum natürlich nicht vorenthalten. Viele berühmte Sänger wie Cecilia Bartoli oder Thomas Hampson treten sehr gerne in Zürich auf und probieren neue Partien in einem relativ kleinen Saal aus. Genau so wichtig ist es meines Erachtens jedoch, neue viel versprechende Stimmen neben diesen berühmten Sängern reifen und wachsen zu lassen.
Daniel Fischer:
Jetzt gibt es ja noch das Phänomen, dass häufig bei den Premieren etwas schief läuft und dass die Schauspieler im Ensemble nicht richtig eingespielt sind. Wie erlebst du das? Du gehst ja oft an Premieren.
Sannemann:
Also ich muss sagen, dass ich richtige Pannen an Premieren noch selten erlebt habe. Klar kann mal eine Sängerin indisponiert sein oder ganz ausfallen. Doch die Verantwortlichen haben dann stets kreative Lösungen parat. (In Luzern spielte der Regisseur mal die Susanna und zwei Einspringerinnen sangen die Rolle vom Bühnenrand aus, das führte zu urkomischen Situationen auf der Bühne!) Zudem denke ich, dass der erhöhte Adrenalinspiegel der Darsteller anlässlich von Premieren auch qualitätssteigernd wirken kann.
Daniel Fischer:
Ich weiss es schlichtweg nicht: Gibt es heute eigentlich auch Tournee-Opern-Produktionen?
Sannemann:
Selbstverständlich gibt es die. Winterthur zum Beispiel ist ein reines Gastspiel-Theater und stellt sein Programm ausschliesslich mit reisenden Operncompagnien zusammen. Zudem arbeiten auch grosse Häuser sinnvollerweise (Kosten!) immer wieder an szenischen Koproduktionen. PARSIFAL in Zürich wurde z.B. zuerst in Barcelona gezeigt, AUS EINEM TOTENHAUS wird in Wien zu sehen sein. Natürlich dann stets mit hauseigenen Besetzungen.
Daniel Fischer:
Bist du ein Patrizier?
Sannemann:
Nein. Lacht
Daniel Fischer:
Man sagt ja zum Teil, das Musical sei für die Primitiven und Plebejer, die Patrizier hingegen besuchen Opern. Was sagst du dazu? Gehörst du demnach zu den Eliten?
Sannemann:
Nein, nein. Es ist klar, Opern – gerade in Zürich – leisten sich finanziell besser gestellte Leute. Denn nicht jedermann hat pro Monat gerade mal 270 Franken für einen Parkettplatz übrig. Aber wenn man sich früh um Karten kümmert, kann man auch für 30 Franken sehr gut sitzen. Zudem gibt es (leider nicht von jeder Produktion!) auch noch Volksvorstellungen zu erschwinglichen Preisen.
Daniel Fischer:
Kannst du etwas über die Volksvorstellungen sagen?
Sannemann:
Ja, das sind stark subventionierte Vorstellungen, welche immer 1 Monat vor dem Vorstellungstag in den Vorverkauf gelangen. Die teuersten Plätze sind da dann für 75 Franken zu haben.
Daniel Fischer:
Und die sind wahrscheinlich immer völlig ausgebucht?
Sannemann:
Das frühe Huhn findet das Korn ...
Daniel Fischer:
Beispielsweise ist es ja bei den Musicals so, dass es häufig Verlosungen gibt. Soweit sind die Schweizer noch nicht gekommen. In England z.B. ist es nämlich üblich, dass man Tickets sehr günstig verlost.
Sannemann:
Das wird in der Schweiz leider zu selten gemacht. Wahrscheinlich fürchtet man, die Vollzahler damit zu verärgern. Dafür gibt es in Zürich z. B. grosszügige Ermässigungen für Studenten.
Daniel Fischer:
Gibt es eigentlich heute bei den Opern mehr und mehr Übertitelungen?
Sannemann:
Das ist unterdessen Standard.
Daniel Fischer:
Ich weiss nicht, wie alt das Phänomen ist, aber das gibt es z.B. bei Musicals nicht oder fast nicht. Wie siehst du denn diese Übertitelungen?
Sannemann:
Das ist aus meiner Sicht zu begrüssen, eine Art Demokratisierung. Damit muss man sich dann nicht stundenlang in ein Werk einlesen und kann der Handlung spontan folgen (wenn sie nicht durch eine entsprechende Inszenierung völlig unkenntlich gemacht wurde, smile). Heutzutage wird zudem eigentlich nur noch in der Originalsprache der Oper gesungen, was früher (bis in die 50-er oder 60-er Jahre) nicht der Fall gewesen war.
Daniel Fischer:
Besuchst du auch Opernhäuser ausserhalb der Schweiz, z.B. Bayreuth?
Sannemann:
In Bayreuth war ich bisher nur einmal. Ich bin jedoch oft in Deutschland unterwegs, einem Land, das ebenfalls eine äusserst bemerkenswerte Opernszene bietet. Für interessante Aufführungen reise ich auch mal nach Helsinki, Breslau, Wien, Paris ...
Daniel Fischer:
Was ist denn für dich der Unterschied zwischen einem Musical und einer Oper, dass du nicht über so etwas „Simples“ wie Musicals schreibst?
Sannemann:
Lacht. Das ist jetzt aber eine Unterstellung, dass ich Musicals nicht mag – ich liebe nämlich Musical.
Daniel Fischer:
Vor allem wohl die opernmässigen Musicals, die gibt es ja auch, wie z.B. „West Side Story“, „Phantom of the Opera“, „Les Misérables“
Sannemann:
Ich liebe „Les Misérables“ , das ist ein ganz grosser Wurf. Oder CAROUSEL von Rodgers/Hammerstein: Die sagenhafte Aufführung in London 1993 gehört zu meinen prägendsten Theatererlebnissen.Daniel Fischer:
Was hältst du von der Musical-Szene in der Schweiz?
Sannemann:
Die kenne ich zu wenig, um hier ein Urteil dazu abzugeben. „Heidi 2“ habe ich gesehen, das hat mir erstaunlicherweise sehr gut gefallen, aber für „Space Dreams“ oder “Ewigi Liebi” hatte ich noch keine Zeit.
Daniel Fischer:
Ja das ist fast ein Verbrechen.
Sannemann:
Hingegen habe die meisten Musical-Produktionen des Theaters St. Gallen gesehen und ich muss sagen, die waren stets fantastisch.
Daniel Fischer:
Du kannst also auch durchaus mit Musicals leben und magst generell Musik. Spielst du ein Instrument?
Sannemann:
Klavier, jedoch ohne jegliches Talent.
Daniel Fischer:
Grundsätzlich bist du also ein Musikfreak, welcher vielseitig interessiert ist.
Sannemann:
Es gibt natürlich auch Musikrichtungen, zu welchen ich keine grosse Beziehung habe, welchen ich aber - bewahre Gott – auf keinen Fall die Daseinsberechtigung absprechen möchte. Dazu gehört alles, was Richtung Musikantenstadl geht. Auch zu Hardcore-Punk oder Heavy-Metal habe ich den Zugang (noch?) nicht gefunden.
Daniel Fischer:
Die Oper, so sagt man, ist „Das Vergnügen der Reichen“.
Sannemann:
Das sind Klischees, welche einfach nicht stimmen. Ich habe in meinem Freundeskreis viele Menschen, die wenig Geld haben und trotzdem die Oper lieben. Es ist jedoch unbestritten, dass Geld (wie in anderen Lebensbereichen) mithilft, die Sucht exzessiver auszuleben.
Daniel Fischer:
Es hat mich sehr gefreut. Ich muss sagen, es freut mich noch viel mehr, dass du uns immer die Artikel schickst, welche bei unseren jungen Schreiberlingen als ein Vorbild angesehen werden. Man sieht, dass du es schon sehr lange und vor allem auch professionell machst. Ich möchte dir ganz herzlich im Namen von „ImScheinwerfer-Team“ danken. Ich persönlich habe sehr grossen Respekt vor Opern-Kritiken, da ich das Gefühl habe, davon zu wenig darüber steht und deshalb bin ich sehr froh, dass wir dich haben. Vielen Dank.
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