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Leserbrief zum Leitartikel des Newsletters vom 30. April von Florian Schneider

Saturday, 01 May 2010 20:13 Written by 

 

Offener Brief

an die Herausgeber des Theatermagazins „im Scheinwerfer"

Samstag, 1. Mai 2010

Sehr geehrte Herren Isenegger und Fischer

Ich finde den ‚Scheinwerfer' eine gute Sache und freue mich darüber, dass es Leute gibt, die eine Plattform unterhalten und sich für die Sache des Musicals in der Schweiz stark machen. Aber wo viel Herzblut drinsteckt, wird auch mal über die Stränge geschlagen, sich in Gedanken verrannt und im Ton vergriffen. Erlauben Sie mir daher als einer der sechs Schweizer Darsteller der Walenstädter Produktion von ‚Die schwarzen Brüder' zu Ihrem Leitartikel im neusten ‚Scheinwerfer' ein paar Dinge aus Sicht meines Berufsstandes zu sagen:

Wir Schauspieler und Sänger aus Deutschland, Oesterreich und der Schweiz haben alle einen gemeinsamen Nenner: die deutsche Sprache. Seit Generationen ist der Arbeitsmarkt im deutschen Sprachraum für Theaterleute offen und das dichte Theaternetz ohne diesen Austausch nicht vorstellbar. Zahllosen Schweizer Künstlern ist es nur Dank dieses liberalen Systems gelungen, im Theatermetier überhaupt Fuss zu fassen und zu reüssieren, bietet doch der Arbeitsmarkt in der Schweiz längst nicht genügend Möglichkeiten, früher wie heute. Dies gilt ebenso für Film-, Funk- und Fernsehberufe sowie für Regisseure, Orchestermusiker, Bühnenbildner und Techniker. Im Theatermetier existiert also längstens anstandslos ein grenzüberschreitender Austausch, wie ihn andere Branchen erst seit kurzer Zeit kennenlernen.

In Ihrem Artikel fragen Sie (Zitat) : ‚haben es unsere Musical-Jungs und -Mädchen im Ausland, wo das Musical Business erheblich ausgeprägter ist, nicht schon schwer genug?'

Ja, der Nachwuchs und auch wir Älteren haben es schwer, hüben wie drüben, und hier zeigt sich deutlich der Widersinn Ihrer Argumente: Wenn Sie den Schweizern selbstverständlich das Recht zugestehen, sich im deutschsprachigen Ausland Jobs zu suchen, dann können Sie nicht Anstoss daran nehmen, dass dies Oesterreicher und Deutsche hier bei uns auch tun.

Im Bemühen, Sprachrohr für die Anliegen des Schweizer Musicalnachwuchses zu sein, sind Ihre Argumente nicht zu Ende gedacht. Mit polemischen Sätzen wie (Zitat): ‚Auf jeden Fall ist diese Auswahl keine gute Wahl' und (Zitat): ‚sondern er (der Stau) bezieht sich auf die Hirnströme' laufen Sie Gefahr, sowohl unsere geschätzten ausländischen Kolleginnen und Kollegen zu diskreditieren als auch die Produktionsleitung der Walenstädter Seebühne. Obwohl Sie sich in Ihrem Artikel zweimal dagegen verwahren, ‚auf falschen Nationalismus zu machen' oder ‚ ein SVP-Anliegen' zu vertreten, stimmen Sie leider etwas unüberlegt in den Chor derer ein, die glauben, unser Land vor Ausländern schützen zu müssen. Damit erweisen Sie dem Schweizer Musicalnachwuchs innerhalb der vernetzten und hellhörigen Theaterwelt aber nur einen Bärendienst.

Das ist schade für die Sache des Musicals und für das Herzblut. Und befremdlich, denn eben das Theater war nach meiner Erfahrung immer und überall jener Ort, wo nur gefragt wurde, was einer kann und nicht, woher einer kommt.

Die Forderung „Mehr Schweizer in Schweizer Musicals" widerspricht den gewachsenen Prinzipien am Theater und der künstlerischen Freiheit von Intendanten, Regisseuren und musikalischen Leitern. Exakt diese Freiheiten sind aber Grundlagen und Eckpfeiler aller Personalpolitik an Theatern im deutschen Sprachraum. Wir Schweizer Künstler profitieren darum von diesem System am meisten, weil wir uns von Klagenfurt bis Flensburg überall bewerben können, auch wenn unsere wenigen Schweizer Theater demgegenüber selber nur wenig Arbeit anbieten können.

Bei näherer und genauerer Betrachtung sind die Gründe, wieso in Walenstadt so besetzt wurde, allein pragmatische: Man suchte für ‚Die schwarzen Brüder' in Typencastings sehr junge, sehr schlanke Männer, Musicaldarsteller, die glaubhaft die Kaminfegerbuben spielen, singen und tanzen können, wurde mit diesem Anforderungsprofil aber anzahlmässig in der Schweiz allein nicht genügend fündig. Daher musste ein Grossteil der Darsteller im benachbarten Ausland rekrutiert werden. Das hat nichts zu tun mit Bevorzugung oder Vernachlässigung oder mit der Herkunft einzelner Bewerber. Nur die Eignung zählt. So funktioniert das seit jeher am Theater.

Unter dem Stichwort ‚Swissness' argumentieren Sie auch, dass in Walenstadt verpasst würde, was z. B. ‚Dällebach Kari' und Ewigi Liebi' schaffen: vielen einheimischen Darstellern einen Job zu geben. Dabei wird aber vergessen, zu erwähnen, dass diese beiden Stücke in Schweizerdeutsch geschrieben sind und demzufolge nur mit Darstellern besetzt werden können, die Schweizerdeutsch sprechen. Auch dies ist Typencasting, nur wurde hier nicht figürlich, sondern sprachlich selektioniert, womit für ausländische Kollegen und Kolleginnen die Chancen meist sowieso entfielen. Der proportional hohe Anteil einheimischer Künstler erklärt sich also aus sprachlicher Eignung und nicht aus der übergeordneten Berücksichtigung von Schweizern bei der Jobvergabe. In den Vorjahren dürfte in Thun der Anteil ausländischer Künstler auch höher gewesen sein, als bei Heidi in Walenstadt.

Vermeiden wir doch alles, was eine Provinzialisierung unserer Theaterlandschaft bedeuten würde und freuen wir uns alle in gegenseitigem Wohlwollen und Interesse auf einen lebhaften, bunten, vielseitigen Schweizer Musicalsommer mit neuen Themen, neuen Stimmen und neuen Gesichtern. Und die Hauptrolle soll dabei nicht spielen, woher jemand kommt.

Mit herzlichen Grüssen

Florian Schneider

 

zur Person

Florian Schneider wurde 1959 in Basel geboren. Er absolvierte das Gesangstudium und die Ausbildung zum Opernsänger am Opernstudio der Musikakademie Basel und am Internationalen Opernstudio am Opernhaus Zürich. Es folgten erste Festengagements als Lyrischer Tenor für Oper und Operette an den Stadttheatern Lüneburg, Ulm und Bern, doch seit den 90er-Jahren ist Florian Schneider freischaffender Musicalsänger und interpretierte die Hauptrollen in vielen Theaterproduktionen in Deutschland und der Schweiz, so z. B. den Frank n' Furter in «The Rocky Horror Show», Jesus und Judas in «Jesus Christ Superstar», den Scapino in der deutschsprachigen Erstaufführung von «Dracula», den Mackie Messer in«Die Dreigroschenoper» u.a.m.

Von 1995 bis 1997 stand er in über 500 Vorstellungen in der Titelrolle von Andrew Lloyd Webber's «The Phantom Of The Opera» auf der Bühne des neu eröffneten Musical Theaters Basel. Seither absolvierte Florian Schneider Konzerttourneen mit Musical- und Filmmusik, war Gastsänger in zahllosen TV-Sendungen und beteiligt an mehreren CD-Produktionen und Musical-Uraufführungen.

Neben dem Musical arbeitet er heute auch als Theater- und Filmschauspieler sowie als Regisseur, plant und leitet Galashows, ist mit Brechtchansons unterwegs und hat mit seiner Mundartband «Agglo Music Project» eben die CD «Schwarz Bluet» mit seinen eigenen Songs aufgenommen.

 

 

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Last modified on Monday, 10 May 2010 20:57
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