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Published in Opera / Klassik

LA BOHÈME, Zürich 01.11.2015

Sunday, 01 November 2015 00:00 Written by 

Kritik:

Resigniert legt Rodolfo im vierten Bild die Feder weg, resigniert wirft Marcello seinen Pinsel weg nachdem (in dieser um sieben Ecken herum konzipierten Theater auf dem Theater Inszenierung) ihr Stück einen Theaterflop hingelegt hat. Von einem Flop dieser Neuproduktion am Opernhaus Zürich zu sprechen, wäre vielleicht ein bisschen zu stark, allerdings kann man auch nicht so vorbelhaltlos in Jubel ausbrechen, wie das ein grosser Teil des Premiernpublikums getan tat. Szenisch wurde viel Aufwand betrieben (mit eher bescheidenem Resultat), die komischen Seiten des Librettos betonend - was völlig auf der Strecke blieb, war das eigentliche Drama. Musikalisch bleibt noch Luft nach oben.

Thomas Mann hat sich in seinem Roman DER ZAUBERBERG im letzten Kapitel (ohne den Namen des Komponisten zu nennen) auf Puccinis LA BOHÈME bezogen und lässt seinen „Helden“ Hans Castorp ehrfürchtig den zarten Klängen des Liebesduetts des ersten Aktes lauschen. Sein Bruder Heinrich Mann schildert in EIN ZEITALTER WIRD BESICHTIGT ebenfalls ausführlich die Sogkraft, welche Puccinis Melodien auslösen. Um diese Wirkung zu entfalten, muss die Musik allerdings mit fein kontrollierter Leidenschaft, Emotionalität, Transparenz und ausgewogener Balance zwischen Graben und Bühne ausgeführt werden – und dieses Gleichgewicht war gestern Abend im Opernhaus Zürich leider nur an wenigen Stellen zu erleben, erst gegen das Ende hin, in den Bildern drei und vier. Zuvor wurde die Philharmonia Zürich vom Dirigenten Giampaolo Bisanti zu stark aufgepeitscht, die impressionistischen Finessen der genialen und modernen (!) Instrumentierungskunst Puccinis mit süffigem Sound zugedeckt. Diese con forza- Haltung wurde von den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne dankbar aufgenommen und so erklangen die Arien, Ariosi, Duette mit zwar beeindruckender Lautstärke, doch wirklich schön oder berührend war das nicht. Bei den ersten Phrasen von Michael Fabianos Rodolfo hatte man noch den Eindruck „Wow, was für ein viriles, kerniges Timbre“. Doch der positive erste Eindruck wurde bald getrübt durch ein exaltiertes Forcieren, ein zu frühes Öffnen der Resonanzräume. Sicher, die dynamischen Ressourcen seines Tenors waren beeindruckend, allein, das reichte nicht zu einer überzeugenden vokalen Gesamtleistung, zumal dann auch die Intonation auf Fermaten leicht wackelig wurde. Besser schlug sich die Mimì von Guanqun Yu: Auch sie besitzt eine ausgesprochen durchschlagskräftige Stimme. Ihr Sopran klang in den ersten beiden Bildern durch ein leichtes Vibrato leicht angeraut, entsprach nicht so ganz der femme fragile, welche man sich in dieser Rolle vorstellt. Traumhaft schön gelang ihr jedoch im vierten Bild das Arioso Sono andati?. Da stellte sich zum ersten Mal - auch dank der von der Philharmonia Zürich feinfühlig musizierten Reminiszenzen an das erste Bild – ein Quäntchen Emotion ein, sofern man das Auge auf dem schlichten Eisenbett ruhen und es nicht über die während vier Bildern mit Papierfetzen zugemüllte Bühne schweifen liess. Um bei den positiven Eindrücken zu verbleiben: Mit herausragender Prägnanz sang und gestaltete der junge Bariton Adrian Timpau (er ist noch Mitglied des Internationalen Opernstudios) die Partie des Schaunard! Andrei Bonadarenko gab einen soliden Marcello. Erik Anstine als Colline war darstellerisch ein überaus stimmiger Colline, leider schien sich ausgerechnet in der Arie Vecchia zimarra, senti ein Schleier auf seine Stimme gelegt zu haben, welcher den Strom des Gesanges behinderte. Shelley Jackson sang im langen schwarzen, tief dekolletierten Glitzer-Abendkleid als eine Art Dalida eine manchmal etwas stählern und leicht schrill klingende Musetta. Pavel Daniluk als Benoît und Valeriy Murga als Alcindoro wussten in ihren kurzen, aber wichtigen Auftritten zu überzeugen.

Der Regisseur Ole Anders Tandberg und sein Bühnenbildner Erlend Birkeland verlegten die Handlung in einen heruntergekommenen, zugigen Theatersaal, in welchem die vier Freunde ein Stück von Rodolfo zur Aufführung bringen wollen. Marcello malt das Bühnenbild (genau wie im Libretto beschrieben, die Teilung des Roten Meeres durch Mose). Aus den vollgeschriebenen Seiten von Rodolfos Drama haben sie unzählige Kartenhäuser im Saal aufgebaut, diese werden nach und nach zerstört und im Ofen verbrannt. So weit so gut. In den eher komischen Szenen dieser Bohemiens, welche noch vom grossen Erfolg ihres surrealistischen Theaterprojekts träumen, gelingt dem Regisseur eine genaue Personenführung, die nicht mal weit von Zeffirellis legendärer Inszenierung entfernt ist. Doch der ausgelutschte Kniff vom Theater auf dem Theater, die Verschmelzung von persönlichen Erfahrungen des Regisseurs und des Bühnenbildners mit existentialistischem und absurdem Theater vermag je länger sie dauert, desto weniger zu überzeugen. Das zweite Bild gleitet dann vollends ins Surrealistische, ja Skurrile ab. Mimì und Rodolfo haben sich am Ende des ersten Aktes auf die Bühne auf der Bühne in den mit Schnee überzuckerten Tannenwald begeben und nun, da der Vorhang sich wieder öffnet, werden sie von der versammelten Bohème-Prominenz Frankreichs aus den letzten hundertfünfzig Jahren beim Liebesspiel im Lotterbett überrascht. Hier hat man nun wirklich keine Mühen und Kosten gescheut um den Chor mit Kostüm und Maske von A (wie Anouk Aimée) bis Z (wie Émile Zola) wie diese prominenten Persönlichkeiten aussehen zu lassen (Kostüme: Maria Geber). Doch der Effekt, so nett er auch gemeint sein mochte, verpufft, da dieses Bild mit einer Dauer von knapp 20 Minuten viel zu kurz und das Gewimmel auf der Bühne zu gross ist, um all die Prominenz wirklich wahrzunehmen. Man entdeckt mal kurz Lagerfeld mit seinem Pferdeschwanz und Sonnenbrille, die Piaf, die Deneuve, die Bardot. Aber erst beim Schlussapplaus, wenn die Mitglieder des gut singenden Chores vorbei defilieren, nimmt man noch die unzähligen anderen kurz wahr: Johnny Hallyday, Coco Chanel, Hemingway, Delon u.v.a.m. Sehr viel kostspieliger Aufwand für ein eher bescheidenes Resultat. Doch selbst Bonaparte thront am Ende dieses Bildes noch hoch zu Ross und auch Rodins „Denker“ und Père Noël haben einen kurzen Auftritt. Der exzellente Kinderchor der Oper Zürich musste als bärtige (jüdische?) Banker in Frack und Melone auftreten. Mit absurdem Theater ging es auch im dritten Bild (an der Zollschranke ... ) weiter: Lächerliches Studententheater mit mehr oder weniger kunstvoll aus Papierstreifen gefertigten Kostümen zerstörten jegliche Poesie dieses Bildes. Oper als Persiflage, das mag bei einer Opera buffa Rossinis funktionieren, bei Puccini ist sie meines Erachtens völlig fehl am Platz. Doch dann, ganz am Ende des vierten Bildes, ist sie doch noch da, die lang ersehnte Symbolkraft des Poetischen: Wenn Mimì ihr Leben aushaucht, rücken die Zuckertannen des surrealistischen Adventsmärchens auseinander und geben den Blick frei auf die einen Spalt geöffnete, schlichte Holztür, durch welche Mimì im ersten Bild in Rodolfos Leben getreten war - La commedia è finita! (... um mit Ruggero Leoncavallo, dem Konkurrenten Puccinis um die Vertonung der BOHÈME zu sprechen).

Inhalt:

In einer Mansarde im Quartier Latin hausen die vier (Lebens-)Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Ihre Armut meistern sie mit zum Teil bissigem Humor. Es ist Weihnachtsabend. Der Musiker Schaunard ist zu etwas Geld gekommen und lädt seine Freunde ins Café Momus ein. Rodolfo, der Dichter, will noch schnell einen Artikel beenden und verspricht, den Freunden gleich zu folgen. Da klopft seine Nachbarin Mimi an der Tür und bittet um Feuer. Als Mimi in der Dunkelheit auch noch ihren Schlüssel verliert, nutzt Rodolfo die Gelegenheit und nähert sich ihr sachte an. (Wie eiskalt ist dies Händchen...). In einem leidenschaftlichen Duett spürt man das Aufflammen ihrer Liebe. Sie folgen den Freundin ins Café. Da herrscht eine ausgelassene Stimmung. Marcellas frühere Geliebte Musetta taucht mit einem älteren Verehrer auf. Marcello reagiert eifersüchtig. Musetta spielt mit diesen Gefühlen, wird den Alten los, wirft sich Marcello wieder in die Arme und lässt den Alten am Ende gar noch die Rechnung der Künstler bezahlen. Einige Zeit später, nach wechselhaften Wochen für die beiden Paare, befinden wir uns vor einem Gasthaus an der Zollschranke. Mimis Krankheit hat sich verstärkt, Rodolfo hat sich von ihr getrennt, was sie sich nicht erklären kann. Mimi sucht den Rat von Marcello. Als Rodolfo auftaucht, versteckt sie sich und belauscht die beiden Freunde. Da erfährt sie, dass nicht eigentlich die Eifersucht Rodolfos der Trennungsgrund war, sondern seine Hilflosigkeit gegenüber ihrer Krankheit. Mimis Husten verrät ihr Versteck. Die beiden schliessen sich erneut in die Arme, beschliessen jedoch, sich erst im Frühling zu trennen, da der Winter zur Einsamkeit nicht tauge. Marcello und Musetta streiten sich mal wieder im Hintergrund.

Im letzten Bild befinden wir uns wieder in der Mansarde des Anfangs und treffen auf die in Liebesdingen so unglücklichen Freunde Rodolfo und Marcello. Bei einem bescheidenen Mahle dominiert trotz aller Sorgen die Heiterkeit. Doch mit dem Auftauchen Musettas ändert sich alles dramatisch. Musetta bringt die todkranke, schwache Mimi mit. Alle kümmern sich rührend um sie, der Philosoph Colline nimmt gar Abschied von seinem geliebten Mantel und will ihn im Leihhaus versetzen, um Geld für den Arzt zu bekommen. Alle gehen raus, um Geld zu besorgen, Mimi und Rodolfo bleiben allein und versichern sich gegenseitig ihrer Liebe. Musetta und die anderen kommen zurück, Mimi erhält einen Muff, um ihre kalten Hände zu wärmen. Sie verstirbt - Rodolfo realisiert dies als Letzter. Mit seinen durchdringenden Schreien der Verzweiflung endet die Oper.

Werk:
In eindringlichen, atmosphärisch dichten Bildern zeichnen Puccini und seine Librettisten Szenen aus dem Leben junger Menschen. Diese träumen von Freiheit und Selbstverwirklichung, sie lieben und sie streiten sich, sie kämpfen mit Humor ums Überleben. Doch als eine von ihnen tödlich erkrankt, wird aus dem sorglosen Leben bitterer, tragischer Ernst.
Puccini hat dazu eine seiner farbenprächtigsten Partituren komponiert, lyrisch-sentimentale Stellen verschmelzen mit humorvoll kontrastierenden Passagen, die Personen sind überaus stimmig in kurzen, prägnanten Ariosi charakterisiert. Im letzten Bild verschmelzen all diese Leit- und Erinnerungmotive, der Orchesterklang wird aber zugleich dünner und führt so zum ergreifenden Schluss.

Puccinis "Rivale" Leoncavallo hat den Stoff von Murger Scènes de la vie de bohème ebenfalls vertont. Sein Werk erschien ein Jahr nach Puccini auf der Bühne, erreichte jedoch nie die Popularität von Puccinis Werk, obwohl er an sich näher bei der Vorlage blieb und seine Oper weniger von Sentimentalität gezeichnet ist.

Die Uraufführung unter der Leitung von Arturo Toscanini war kein besonderer Erfolg, die Kritik bezeichnete die Musik als oberflächlich. Erst nach der Aufführung in Palermo, im April 1896, setzte das dem Verismo nahestehende Werk zu seinem bis heute ungebrochenen Siegeszug über die Bühnen der Welt an.
Die Diskographie umfasst über hundert Einspielungen auf Schalplatte, CD und DVD. Allein die berühmtesten Interpreten der Mimi (Mirella Freni) und des Rodolfo (Luciano Pavarotti) haben das Werk über zwölf Mal mit verschiedenen PartnerInnen eingespielt. Referenzaufnahmen sind die Einspielungen unter Herbert von Karajan von 1972 (Freni/Pavarotti) und unter Thomas Beecham (de los Angeles/Björling).
Musikalische Höhepunkte:
Che gelida manina, Arie des Rodolfo, Bild I
Si, mi chiamano Mimì, Arie der Mimi, Bild I
O soave fanciulla, Duett Mimì-Rodolfo, Bild I
Quando m’en vo, Walzer der Musetta, Bild II
Addio dolce svegliare, Duett Mimì-Rodolfo mit Hintergrundgezänk Marcello-Musetta, Bild III
Vecchio zimarra, senti, Arie des Colline, Bild IV
O Mimì, tu più non torni, Arioso des Rodolfo, Bild IV

Last modified on Friday, 06 November 2015 11:43
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